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Doch schon die Präsentation der Rinderserie war Anlass genug, dass es zu einem langjährigen Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn kam, das erst kurz vor dem frühen Tod des Metzgermeisters beigelegt werden konnte. Dies sei die beste und vielleicht sogar einzige Gewährleistung dafür, dass Winkler nicht vollends jener Verhärmung und Misanthropie anheim fiele, die sich in seiner Psyche merklich abzuzeichnen beginne. Später fuhren sie in dem verspiegelten Aufzug hinauf auf ihr Stockwerk, gingen durch den langen, schmalen Korridor, der fast genauso dicht wie unten die Hotellobby mit — allerdings kleineren — Spiegeln und Leuchtern behängt war, zu ihrem Zimmer.

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The concept of re-socialization is based on the idea that an offender has made himself out of society through his deed or, in any event, reveals that he is not necessarily involved in this society.

Eiweiwei, kadunu imicellula waidschloff! Und er verschwand hinter dem Monument, um kurz darauf mit einer spindeldürren, bräunlichen Gestalt von dort wieder hervorzukommen. Der Kopf des Menschen war fast vollständig von schwarzem, strähnigen Haar umwirrt, aus denen eine lange gebogene Nase hervorragte, die ihm etwas Vogelähnliches verlieh, was durch die langen, dünnen Beine und das lose herabhängende Fell noch verstärkt wurde.

Die Vogelgestalt schwankte anfangs noch ein wenig, doch dann trottete sie brav mit eingezogenen Schultern vorneweg. Rouleau nickte gleichgültig und befragte sich dabei im Stillen, ob er jetzt nicht auch einen solchen Brops vertragen könnte. So brachten sie also den Schnapsvogel in das Gefängnis: Jenseits davon standen ein Schemel in der bereits beschriebenen Bauart und eine auf vier Baumscheiben gelegte Verschalungsplatte mit Mörtelresten, die offenbar den hierher Verbrachten als Bettstatt dienen musste.

Hyazinth ruckelte — nach dem er durch einige routinierte Körperverrenkungen eine kleine Baulampe auf der gegenüberliegenden Wand in Gang gesetzt hatte — eine Gittertür aus Astwerk auf und nickte dann zu Jean-Paul gewandt kurz mit dem Kopf in Richtung der Zelle. Den Schlüssel des Vorhängeschlosses barg er in Brusthöhe unter seinem Fell. Konndu moil gschaid noghpense!

Der Angesprochene hatte inzwischen am Gitter neben der Tür Aufstellung genommen und lehnte bequem die Arme auf die dornigen Äste, aus denen dieses gebildet war. Sein Blick schien unbeteiligt auf die gegenüberliegende Heckenwand gerichtet. Sofort wurde drinnen ein Licht entfacht und Rouleau sah einen Raum, der etwas sechs Meter tief und vier Meter breit war, und der allein die ganze Wohnung auszumachen schien.

Eine mit Sackleinen überzogene Sitzgruppe nahm die Mitte des Raumes ein. Die ehemaligen Säcke waren mit dem Schriftzug einer landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft bedruckt. Neben der Sitzgruppe stand ein Beistelltisch aus kastanienbraunem Furnierholz, aus dessen sauberer Verarbeitung Rouleau auf seine Originalbelassenheit schloss. In einer Ecke aber stand eine Sitzgruppe in fliederfarbenem Furnier, die wiederum ganz in brombonischen Stil gearbeitet war.

Tief hinten im Raum befanden sich ein Doppelbett und gleich daneben ein baugleiches, doch viel kleineres Bettchen. Sobald das Licht angezündet worden war, stürmten von hinten zwei bräunliche Kleinkinder unter lauten, fröhlichen Schreien auf Hyazinth zu, um sich jeweils an ein Bein Hyazinthens zu klammern und ihre Gesichtchen hinter den dortigen Erdschollen zu verbergen.

Die Zwillinge, fand Rouleau, sahen aus wie zwei mit Erdkruste überzogene kleine Kartoffeln. Auf dieses Stichwort hin setzte sich aus dem hinteren Teil des Raum eine braun bekuttete Gestalt mit kleinen, trippelnden, beinahe tänzelnden Schritten in Bewegung.

Sie hielt dabei die Hände vorgestreckt und die dürren Finger weit gespreizt dem Besucher entgegen. Die Frau musste einmal blonde Haare gehabt haben, doch nun waren diese nurmehr ein flachsfarbenes Gestrüpp, das in allen Richtungen von ihrem Haupt in den umliegenden Raum abstand.

Mit diesem Haupt aber vollführte sie beim Näherkommen rasche, nickende Bewegungen. Unwillkürlich wich Rouleau zwei Schritte zurück, doch kurz bevor die erdigen, gekrümmten Finger sein Gesicht erreichten, hielt die Frau inne.

Hyazinth streckte sich daraufhin etwas zu Rouleau hinauf und flüsterte: Zum Abschied tätschelte er den Zwillingen noch einmal die Kopfborsten und dann wandten sich die Beiden zum Gehen. Kurz vor dem Ausgang machte Hyazinth den ihm Anvertrauten noch auf eine weitere Öffnung in der Wand aufmerksam, die dieser beim Eintreten übersehen hatte.

Während sie einem weiteren Schacht folgten, der sie, wie Rouleau hoffte, endlich zu jener Präfektur bringen würde, fragte er seinen Vordermann mit schwacher Stimme: Da drehte sich Hyazinth so rasch zu ihm um, dass sie um Haaresbreite wieder aufeinander geprallt wären, schaute Rouleau tief und ernst in die Augen und hob an: Und dich stört das nicht, wenn deine Frau so geringschätzig von deiner Malerei spricht?

Darunter verloren sich drei nebeneinander angeordnete Gänge im Dunkel. Zielstrebig baute sich Hyazinth davor auf und röhrte in amtlich-wichtigem Tonfall hinein: Ruckartig hob sich daraufhin die Kugel etwas, wodurch zwei trübe Augen darin sichtbar wurden. Kunndu attente voo Burro! Dann musterte jener Hypolithe die Kleidung Rouleaus — etwas abschätzig, wie dem erschien — und fragte: Ohne dem Pförtner zu antworten, zog Hyazinth seinen Schützling in den mittleren der Gänge, nachdem er an dessen Eingang einige Male klatschend in die Luft gesprungen war und damit einmal mehr den Bewegungsmelder eines in dem Gang aufgehängten Bauscheinwerfers ausgelöst hatte.

Links und rechts dieser Prachttür standen jeweils zwei orangefarbene Plastikschalenstühle mit Leichtmetallbeinen. Hyazinth forderte Rouleau mit einer knappen Handbewegung auf, in einem der beiden Stühle auf der linken Seite Platz zu nehmen. Gegenüber an der Stollenwand hingen zwei Bilder: Dieses Bild wiederum war in einem realistischen, klassischen Stil gemalt, wozu sein grober Holzlattenrahmen nicht zu passen schien.

Da wandten sich die funkelnden, überraschten Äuglein Hyazinthens mit einem Mal ihm zu und sein prustendes Lachen ging unvermittelt in ein metallisch schepperndes Husten über. Hyazinth federte sofort in die Höhe und nahm eine stramme Haltung ein. Dann forderte er Rouleau mit einem derben Knuff an die Schulter dazu auf, sich ebenfalls zu erheben.

Bevor dieser der Aufforderung nachkommen konnte, stand bereits ein kleines, schmächtiges Kerlchen von schwer bestimmbarem Alter vor ihnen. Er trug einen zweireihigen Anzug, dessen Oberfläche mit einem fein verästelten Muster von Rissen überzogen war, die sich in dem grauen, getrockneten Schlamm, mit dem die Kleidung überzogen war, gebildet hatte.

Unter einen Arm geklemmt führte er eine Aktentasche aus schwarzem Rindlederimitat mit sich. Es war eine jener Aktentaschen, mit denen in den achtziger Jahren — und wohl auch schon früher — Vereinsfunktionäre zu den jährlichen Mitgliedergeneralversammlungen zu erscheinen pflegten. Der Erdteint seines Gesichtes war deutlich heller als der all jener Brombonier, die Rouleau bisher gesehen hatte. Hinter den Ohren spross jeweils ein Büschel schwarzborstiger Haare in die Höhe, ansonsten war der Kugelkopf kahl.

Die hohe Stirn durchliefen horizontale Erdfurchen, die wohl ein Zeichen dafür sein mochten, wie schwer ihr Eigentümer an der Verantwortung seines Amtes trug. Das eigentümlichste an der Gestalt jedoch war die Brille: Es war Rouleau im Übrigen ein Rätsel, wie dieses Ungetüm von einer Brillenkonstruktion auf der kleinen Nase des Mannes einen sicheren Halt finden konnte. Und nachdem der Präfekt hinter den beiden die schwere Parkettboden-Tür wieder zu geruckelt hatte, entzündete er in dem geräumigen Kabinett eine batteriebetriebene Campinglampe, die auf einem Schülerschreibtisch stand.

Daraufhin nahm er hinter dem Tisch auf einem Bürosessel, dessen brauner Cordbezug stark abgenutzt war, Platz. Hyazinth und Rouleau setzten sich auf seine Einladung hin auf zwei vor dem Schreibtisch stehende Plastikstühle, wobei sich Hyazinth noch einmal steif und förmlich verbeugte, bevor er Platz nahm. Sein oberster Vorgesetzter stützte die Ellbogen auf die Tischplatte und legte die Hände übereinander, um darauf sein Kinn zu betten.

Dann musterte er den Neuankömmling. Hinter ihm an der Wand hing ein Porträt des Präfekten, das ihn lächelnd, doch in amtlich-steifer Haltung vor einer Brombeerhecke zeigte. Jetzt drehte der Präfekt an den beiden seitlich der Brillenbügel befindlichen Rädchen, und leise knackend schlossen sich daraufhin synchron die beiden Blendenmechanismen soweit, bis nur noch die Iriden dahinter hervorlugten, die unverhohlen auf Rouleau gerichtet waren.

Dieser begann sofort damit, sich unruhig auf seinem Stuhl zu bewegen, gerade so, als könne er damit dem durchdringenden Blick der behördlichen Autorität entrinnen. Eine Rouleau endlos erscheinende Zeit ruhte dieser mechanisch geschärfte Blick schwer auf ihm, bis der Amtsträger endlich durch erneutes Drehen der Rädchen seine Augen wieder bis auf die vorherige Stellung aufblendete und sich erneut Hyazinth zuwandte:.

Und Flochel, die alte Schabracke — immer noch die kommunale Kulturbeauftragte, wie? Und Hyazinth lachte emsig und hölzern über den Scherz seines Dienstherren, den Rouleau nicht wirklich verstand. Schon mal was von einem gewissen Grisson gehört? Rouleau wusste natürlich genau, wovon der Präfekt so geheimnisvoll und andeutungsweise sprach.

Sie waren darüber so überrascht gewesen wie das liebe, arglose Vieh. Nur wenige Wochen später stattete jener Grisson ein oder auch zwei Dutzend Bengel aus dem Quartier Belsunce mit breiten Tapezierpinseln und rostigen Blecheimern aus, in denen rosa Dispersionsfarbe schwappte.

Grisson aber kassierte in der Folge — da er nicht in der Lage war, für die Reinigungskosten aufzukommen — einige Wochen Knast. Dann verlor sich seine Spur in jenem Urwald und man war in Marseille mancherorts doch recht froh darüber, diese Plage los zu sein.

Und zu Hyazinth gewandt sagte er in einem weichen, beinahe träumerischen Tonfall: Dem so Angesprochenen schwamm bereits Flüssigkeit in den Äuglein, sie drohte, die sie umgebenden Erdschichten zu feuchten. Rouleau schaute von einem zum anderen. Ihm war, als begänne er, allmählich zu verstehen. Und verstand auch wieder nicht. Sollte es denn wirklich möglich sein, dass vor langer Zeit im Dschungel von Guyana doch nicht ein Giftpfeil nach einer glücklichen Flugbahn, möglicherweise auch ein philanthropes Giftgetier, diesen höchst unangenehmen Fall von künstlerischer Hybris kurzerhand auf seine unschuldig-kreatürliche Weise gelöst hatte, sondern es jenen Grisson vielmehr auf wundersame Weise in die Brombeerhecken rund um Nancy verschlagen hatte?

Rouleau schwirrte gehörig der Kopf, doch der Prrfkt machte nur eine melancholisch-abwinkende Handbewegung. Zunächst sollten Sie wissen, dass die Einrichtungen, die Sie heute Morgen in Augenschein nehmen konnten, durchaus nicht schon von jeher bestanden.

Damals, in jenen Pionierzeiten, nachdem wir hier anlangten, sah es hier sehr anders aus. Kein Vergleich zu dem Komfort von heute, in dessen Genuss auch Sie bald kommen werden. Aber, mein Bester, schauen Sie doch nicht so bestürzt, es gibt keinen Grund dafür, denn man hat Sie dazu ausersehen, ein weiterer glücklicher Bewohner Bromboniens zu werden. In Bälde werden Ihnen die Bürgerrechte verliehen werden. Sie werden eine Wohnung und eine Arbeit zugewiesen bekommen. Sie werden einen vollgültigen Status haben.

Und natürlich werden Sie einen umfassenden, sehr intensiven Sprachkurs in brombonisch absolvieren. Zum ersten Male erkannte er nun in aller Deutlichkeit, dass er im Grunde und ganz offensichtlich keine andere Wahl mehr hatte, als diese ihm vom Präfekten kurz umrissene Zukunft.

Sicher, er könnte den Versuch wagen, auch von hier zu entfliehen. War dies denn nicht bereits der letzte Ort der Zuflucht auf dieser Welt für ihn? Wohin hätte er sich von hier denn noch wenden sollen? Trotzdem sträubte er sich noch, was zum Teil aber auch nur der unüberwindbaren Abneigung geschuldet sein mochte, die er seit seinen Schulzeiten gegenüber Fremdsprachen hegte. Der Büttel zuckte entschuldigend und beinahe peinlich berührt die Schultern: Man gewöhnt sich sehr schnell an das Leben hier, auch wenn Ihnen zu Anfang noch der eine oder andere Aspekt unseres Alltags fremd erscheinen mag.

Sicher, Brombonien mag zwar nicht Marseille sein, und schon gar nicht Paris — doch dafür ist es hier unten auch nicht so hektisch. Man muss sich nicht abschuften für ein paar armselige Francs. Und wenn ich auch das kurz andeuten darf: Es hat bis jetzt noch jedem gefallen!

Sie werden sich schon sehr bald ein anderes Leben gar nicht mehr vorstellen können. Den letzten Ausführungen aber war Rouleau bereits nicht mehr gefolgt, denn da hatte er sich bereits unter zunehmend zwanghaften und hektischer werdenden Bewegungen an den Unterarmen gekratzt. Mit einem Erschaudern hatte er nämlich beobachtet, wie sich im Laufe der Unterhaltung auf seiner Haut, Inseln von kleinen, noch unzusammenhängenden Erdplacken gebildet hatten.

Er ruhte daraufhin nicht eher, als bis sie alle nach und nach zur Erde gerieselt waren. Dann zog er die Hosenbeine etwas hoch und begann damit, die Haut seiner Unterschenkel davon zu befreien. Die beiden Brombonier beobachteten ihn dabei ein wenig, schienen sich daraufhin mit stummen Blicken über etwas zu verständigen. Und ansonsten werden Sie den bewährten Sprachkurs bei unserer Fantin Olga besuchen. In zwei oder drei Wochen halten wir dann die festliche Einbürgerungszeremonie auf brombonisch ab.

Und bei der Gelegenheit bekommen Sie dann endlich auch Ihre Urkunde verliehen. Rouleau fühlte, wie er erbleichte. Und er fühlte darüber hinaus ein durch diesen Vorgang verursachtes Brennen auf seiner Gesichtshaut. Es wurde zweifellos von dem Erdschorf hervorgerufen, der gerade im Begriff stand, sich über seinem Gesicht auszubreiten.

Mit den Nägeln seiner Finger begann er daraufhin, über seine Wangen zu kratzen. Dieser erhob sich sofort, zog auch den annähernd paralysierten Rouleau von seinem Stuhl hoch und schob ihn zur Tür.

Man sollte meinen, eine einfache Geschichte: Flug, Transfer zum Hotel, Bezug eines Doppelzimmers, ein erster Strandgang, gefolgt von dem ersten Abendessen im Speisesaal des Hotels, dann die übliche Abendanimation am Pool, am nächsten Morgen das mit Spannung erwartete Frühstücksbuffet, danach wieder Strand, Mittagessen, neuerlicher Strandbesuch am Nachmittag, und so fort.

Um dieses Gerüst könnte sich nun noch ein Kranz von für einen Pauschalurlaub typischen Begebenheiten ranken: Sollte indessen einem Leser der Sinn nach Schilderungen von Begebenheiten just dieser Art stehen, so sei ihm bereits jetzt empfohlen, nicht weiter mit der Lektüre dieses Büchleins fortzufahren, da er unfehlbar enttäuscht werden würde. Die Kenntnis dieser Geschichte verdankt der Autor den wir fortan der Einfachheit halber bei seinem Familiennamen nennen wollen seinem Jugend- und Studienfreund Christoph Helm, der einer ihrer beiden Protagonisten ist.

Als Helm nach Fortgang und Verlauf der künstlerischen Karriere Winklers fragte, bekam er eine mehrminütige Klage über die Ungerechtigkeiten und Opportunismen des Kunstmarktes zu hören, die ihm von einem befremdlichen, weil beinahe reflexartigen Charakter schien.

Daraufhin war es für eine Weile sehr still an ihrem Tisch inmitten des geräuschvollen Gastraumes. Dann sagte Helm in einfachen, gemessenen Worten, dass, es sich denn so verhielte mit Winkler, dieser dringend ein Projekt, ein Vorhaben, ein eigenes Anliegen finden müsse, welches er mit aller Sorgfalt und Aufmerksamkeit verfolgen müsse.

Dies sei die beste und vielleicht sogar einzige Gewährleistung dafür, dass Winkler nicht vollends jener Verhärmung und Misanthropie anheim fiele, die sich in seiner Psyche merklich abzuzeichnen beginne. Ob ihm denn nicht ein lohnendes Projekt einfallen würde?

Winkler seufzte und kam dann mit Folgendem: Das sei doch erfreulich, meinte Helm, — oder gäbe es dabei einen versteckten Haken? Das wohl nicht, Winkler, jener Lim würde unentwegt Künstlerbücher produzieren, wie es schien, vor allem zur eigenen Erbauung.

Anschliessend würde er fast jeden, der ihm über den Weg laufe, mit Freiexemplaren derselben beglücken, ganz unabhängig davon, ob der Betreffende Wert auf deren Besitz lege oder nicht. Das sei zwar seltsam, befand Helm, doch keineswegs a priori verdächtig. Durchaus nicht, stimmte Winkler zu. Wo dann also das Problem wäre?

Da sah sich der Verfasser dieser Niederschrift zu dem Eingeständnis genötigt, dass er über keine Idee üge, auf welche Art und mit welchem Inhalt er dies Büchlein hätte füllen können.

Wieso er denn eine Idee äuchte, wenn er doch Fotoserienzur Genüge habe, soll er doch irgendeine nehmen und in dem Buch ausbreiten, schlug Helm vor. Er arbeite seit langem nicht mehr in Serien, versetzte Winkler, dieser lammfrommen Folgsamkeit Klammerinhalt gestrichen gegenüber scheinbaren Marktgesetzen habe er endgültig abgeschworen.

Er sehe keinen Sinn darin, beispielsweise die Strandkörbe der französischen Atlantikküste gewissenhaft abzulichten, nur damit er in Fachkreisen als der Fotograf der Französischen-Atlantikküste-Strandkorb-Serie gälte. Da verdrehte Winkler zur Antwort nur die Augen. Es gab für ihn jetzt keinen Zweifel mehr, dass er es hier wieder mit den für Helm typischen kleinen Bosheiten zu tun hatte, die dieser salvenartig von sich zu geben pflegte und die Helm selbst kurioserweise als Freundschaftsbeweise ansah; in dieser Hinsicht hatte er sich also nicht verändert.

Nun, sagte Helm, anscheinend gelangweilt, er kenne sich in jenem Metier freilich nicht mehr aus … Nach einer weiteren Pausebeschied er dem überraschten Winkler, dass er ihm aus alter Verbundenheit über die Verlegenheit der Ideenlosigkeit hinweg helfen wolle, indem er ihm die Geschichte eines einwöchigen Pauschalurlaubes, den er vor einiger Zeit mit einer Ex-Freundin verlebt habe, erzählen und zur anschliessenden freien Verwendung überlassen würde.

Allerdings würde er zwei Bedingungen daran knüpfen, nämlich erstens die Änderung seines Namens und dem seiner Begleiterin, zweitens die Übernahme der abendlichen Zeche durch Winkler. Dieser versprach sich zwar nicht viel von der angekündigten Geschichte, doch hatte er andererseits auch nicht allzu viel zu verlieren abgesehen von dem gewiss in einem übersichtlichen Rahmen verbleibenden Geldbetrag, den er für die konsumierten Getränke würde entrichten müssen , und so sicherte er beides zu, daran die Frage anknüpfend, unter welchem Namen sein Jugendfreund in dem künftigen Buch figurieren möchte.

Was die Urlaubspartnerin Helms anbetrifft, so erfand Winkler für sie später den kuriosen, man könnte gar sagen: Übrigens liegt die Vermutung nahe, dass diese Namenswahl einiges mit Winklers Vorliebe für historische Romane von zweifelhafter literarischer Qualität zu tun haben könnte. Dieser Aufenthalt fand statt in T. Diese Erzählung sollte den ganzen restlichen Abend füllen und endete erst, als das Personal bereits begonnen hatte, die Stühle umzudrehen und geräuschvoll auf die Nachbartische zu stellen.

Einige Zeit später wurde Winkler von Helm zu dessen unschätzbaren Hilfe eine digitales Tondokument übersandt, das fast alle während der zu schildernden Woche stattgefundenen Gespräche zwischen Christoph Helm und Isaura von Ramsperg enthielt. Nun musste er nur noch die Materialien zusammenfügen und darauf achten, dass er seine literarischen Ambitionen anlässlich der ein oder anderen freien Erfindung oder Ausschmückung, die er sich erlaubte, im Zaume hielt — denn er ahnte, dass diese, wenn er ihnen denn freien Lauf lassen würde, alles verderben könnten; andererseits war ihm durchaus klar, dass ein Autor gelegentlich Gedanken und Empfindungen seiner Protagonisten in Worte zu fassen habe, wenn seiner Geschichte eine plastische Wirklichkeit zu eigen sein sollte.

Der ungewöhnliche Sachverhalt, dass Helm offenbar die Angewohnheit besitzt, Mitschnitte seiner Gespräche anzufertigen, könnte dem Leser bereits jetzt einige Vermutungen bezüglich seines Charakters nahelegen. Christophs Elternhaus stand im Zentrum des kleinen Ortes, in dessen Neubauviertel Winkler aufgewachsen war. Er war ein guter Sohn, allerdings konnte er nie die Vorbehalte die er gegen den Beruf des Vaters — seines Zeichens erster Metzgermeister am Platze — hegte, niederringen, so sehr er sich auch darum bemühte.

Christoph konnte den schwülen Geruch des Fleisches, das eben noch Tier gewesen war, nicht ertragen, die blanken Metalltröge, aus denen die Dämpfe der Blut- oder Metzelsuppen stiegen, waren ihm ein Gräuel, und wenn er seinen Vater in einer blutverschmierten weissen Schürze und mit blutigen Händen über den Hof schlurfen sah, wandte er sich unwillkürlich ab. Seinen Eltern wussten da bereits längst, dass ihr einziges Kind das Geschäft nicht weiterführen würde und dass sie sich in dieser Hinsicht zumindest vergeblich abgearbeitet und dabei beachtliche Reichtümer angehäuft hatten.

Sie liessen sich nichts anmerken; nur manchmal, wenn der Vater zur Mutter in den Laden kam, um dort die Fleisch- und Wursttheke aufzufüllen, schien sich diese Traurigkeit in einem vielsagenden Schweigen der Eheleute zu äussern. Christoph schauderte insbesondere vor den Lauten, die das ankommende Schlachtvieh oft von sich gab, dem heiseren und irritierten Brüllen und Quieken, den finalen Schreien. Er besorgte sich einen Gehörschutz, wie ihn Bauarbeiter an Kreissägen oder Maschinenführer zu tragen pflegen, und schlief heimlich mit diesem auf dem Kopf, um so zu verhindern, dass er etwa von den morgendlichen Todesschreien des Viehs geweckt würde.

Tagsüber übertönte er die Geräusche, die sein hart arbeitender Vater mit seinen Werkzeugen verursachte, mit seinem Plattenspieler, in der Regel handelte es sich bei den Platten um zeittypischen Bombast-Rock. Später entwickelte er eine Vorliebe für die traditionelle indische Musik, schliesslich entdeckte er die europäische Musik vergangener Jahrhunderte.

Zum Geburtstag wünschte er sich eine akustische Gitarre, zu Weihnachten eine Staffelei und einen Ölfarbenkasten. Die Eltern, die ihr einziges Kind in stiller Verzweiflung und Hilflosigkeit liebten, erfüllten ihm diese Wünsche. Er hatte nur wenige Freunde, was er vor allem auf seinen Hautausschlag zurückführte. Wenn er nicht Gitarre spielte, hörte er Musik und malte dabei Bilder: Der alte Helm begann damit, sich ernstlich um seinen Sohn zu sorgen.

Sie hofften auf ein solides Studium ihnen schwebte Lebensmitteltechnik oder auch Veterinärmedizin vor , doch ihr Sohn bewarb sich ebenso heimlich wie umgehend an der Kunstakademie im nahen F. Die dortigen Kunstprofessoren bewerteten die dunklen, abgründigen Phantasien, die sich in den Arbeitsproben des Aspiranten so drastisch niederschlugen, als vielversprechend und bewilligten daher seine Aufnahme. Heute mag das erstaunen, doch muss man zum Verständnis dieser Einschätzung den damaligen Zeitgeist berücksichtigen: In der wohlsituierten, krisengesicherten, gutbehüteten, doch auch beschaulichen, mitunter sogar biedermeierlich-befriedeten deutschen Bundesrepublik zu Anfang der er Jahre konnte es Intellektuellen und Kunstschaffenden häufig nicht extravertiert genug zugehen und deshalb hegte man u.

Christoph Helm, der einige Monate zuvor dank drei Litern aberwitzig stark aufgebrühten kolumbianischen Bohnenkaffees vom Wehrdienst bis auf Weiteres zurückgestellt worden war, nahm also das Studium der freien und bildenden Kunst an der Kunstakademie von F. Das düster-depressive Element trat in seinen Bildern immer mehr in den Hintergrund, was seine Akademielehrer mit einer gewissen Missbilligung oder gar Beunruhigung beobachteten. Er wohnte im elften Stock eines Studentenwohnheimes und überschaute von dem Fenster seines kleinen Zimmers aus die ganze Stadt.

Nur an wenigen Wochenenden kam er noch nachhause in sein Elternhaus. Zu seinem zwanzigsten Geburtstag liess er sich von seinen Eltern eine Spiegelreflexkamera schenken. Seine erste Fotoserie machte er während der Semesterferien in seinem Elternhaus: Über mehr als einen Monat hinweg porträtierte er gründlich und gewissenhaft an jedem Morgen das ankommende Schlachtvieh — Rind für Rind, Schwein für Schwein.

Sie glaubten ihm das nur zu gerne und waren in der Tat erleichtert, denn es sich dabei also um etwas, von dem sie keine Ahnung, doch um so mehr Respekt hatten.

Im Unterschied zu Winkler, der einem Jahr nach Helm die Ausbildung an jener Akademie begann, hielt jener jedoch von Beginn an die Fotografie für keine autarke, den anderen künstlerischen Disziplinen gleichrangige Kunstform. Immer wurden die Porträtierten im Halbprofil gezeigt. Er begann mit dem Malen von Rindvieh, da er glaubte, dass seine technischen Fähigkeiten in der für das naturalistische Malen von Schweinen unerlässlichen Ton-in-Ton-Lasurmalerei noch nicht umfassend genug seien.

Als er die ersten Ergebnisse der Rinderserie in der Akademie anlässlich einer monatlichen Begutachtung der studentischen Arbeitsproben vorlegte, war das Lehrpersonal entsetzt. Diese ungünstige Aufnahme der Werke hielt Helm jedoch nicht davon ab, ungefähr zwei Dutzend weitere Bilder mit naturalistischen Darstellungen von Rinderköpfen zu malen. Als er die Serie vollendet hatte, ersuchte er bei seinen Eltern um die Erlaubnis, die Bilder in ihrem Metzgerladen auszustellen, ein Anliegen, das sein Vater rundum ablehnte.

Diese Ahnung wurde am Abend der feierlichen Ausstellungseröffnung zur Gewissheit: Die wenigen Besucher zeigten sich so schockiert, wie sie es wohl nicht einmal infolge eines skandalösen Fernsehfilmes gewesen wären. Sogar der Bürgermeister verweigerte das angekündigte Grusswort und ging verärgert ab.

Doch schon die Präsentation der Rinderserie war Anlass genug, dass es zu einem langjährigen Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn kam, das erst kurz vor dem frühen Tod des Metzgermeisters beigelegt werden konnte. Ungleich stärker als den Misserfolg in der Heimatgemeinde traf Helm jedoch jener anlässlich der Zwischenprüfung an der f. Dort musste er notgedrungen seine Kuh- und Ochsenköpfe präsentieren, da deren minutiöse Darstellung ihn in jenem Studienjahr zeitlich so in Anspruch genommen hatte, dass er keine Zeit erübrigen gekonnt hatte, um nebenbei einige andere Arbeiten anzufertigen, die — wie immer diese auch ausgefallen wären — auf alle Fälleschon eher dem ohnehin nicht gerade wählerischen Zeitgeschmack nahegekommen wären.

Christoph Helm rückte mit seinen vollständigen Rindviechern an, hing diese an der ihm zugewiesenen Wand in Reih und Glied auf und harrte dann dem Scherbengericht, das über ihn hereinbrechen sollte.

Und es kam über ihn. Selbst ein Vierteljahrhundert später noch muss man sich darüber wundern, mit welcher Zielsicherheit dieser junge und in vielerlei Hinsicht noch naive Mensch es damals vermocht hatte, sich in einem eigentlich durch und durch permissiv und pluralistisch erscheinenden Milieu zwischen allen Stühlen zu platzieren und sich in ein vollkommenes künstlerisches Abseits zu befördern.

Dieses sollte — wie der Vorsitzende des Gremiums erläuterte — der Student vor allem zum Nachdenken und zur Einkehr nutzen. Helm liess sich das nicht zweimal sagen und exmatrikulierte sich bereits am darauf folgenden Tag von der Akademie in F. Stattdessen fand er eine Anstellung in einer Bilderrahmenwerkstatt, deren Besitzer ihm nach Ablauf seiner Aushilfstätigkeit eine Lehrstelle als Tischler vermittelte. Als nach drei Jahren die Gesellenprüfung bevorstand, riet ihm sein Meister, als Gesellenstück ein Sideboard oder ein ähnliches Kleinmöbel zu bauen, da ein solches bei den Innungsprüfern stets gut ankäme.

Der Lehrling fertigte stattdessen eine trapezförmige Konzert- gitarre aus Mahagoni- und Ebenholz an. Das Prüfstück versetzte die Jury in Erstaunen, allerdings auch in eine gewisse Ratlosigkeit. Immerhin bestand er dieses Mal die Prüfung, sogar mit Auszeichnung wenn diese auch vor allem jener Ratlosigkeit geschuldet gewesen sein mochte.

Der Geselle Helm war indessen unzufrieden mit den klanglichen Eigenschaften seines Instrumentes und noch in späteren Jahren, als aus ihm längst ein gefragter Meister geworden war, pflegte er es unter den immer gleichen Scherzen von der Wand seiner Werkstatt zu nehmen um Besuchern mit einigen Akkorden zu demonstrieren, wie ein Saiteninstrument nicht klingen sollte.

Im Anschluss an die Tischlerlehre trat Helm in ein unbefristetes Praktikum bei einem Cello- und Gambenbauer ein, der zurückgezogen auf einem halbverfallenen ehemaligen Bauernhof auf dem Lande lebte.

Jener musste ein sonderbarer alter Kauz gewesen sein, und als Helm einmal bei einem seiner seltenen Besuche in H. Er blieb tatsächlich mehrere Jahre bei dem Alten, der im Laufe dieser Zeit immer sonderlicher wurde. Ihr gemeinsames Ziel aber, das Erreichen eines wenn schon nicht vollkommenen, so doch der Vollkommenheit sehr nahekommenden Saitenklangs, sollte das kuriose Paar nicht erreichen.

Eines Tages schickte der Alte seinen Schüler mit der Bemerkung fort, er habe nichts mehr, was er ihm beibringen könnte. Im Übrigen würde er sich schon seit geraumer Zeit von Helms Anwesenheit gestört fühlen, schlussendlich könne er es auch nicht mehr ertragen, dass Helm einen notorisch fahrlässigen Gebrauch der kostbaren Werkzeuge und Maschinen betreibe.

So ging Helm nach einem auf immer währenden und dennoch äusserst trockenen Abschied nach P. Es war kurz nach seiner Niederlassung in P. Helm hatte sich dazu entschlossen, auch noch dieses Handwerk zu erlernen, da es seiner Überzeugung nach für jedes von ihm gebaute Instrument nur einen einzigen, individuell für dieses konzipierten Bogen geben könne. Isaura von Ramsperg hingegen hatte im vorvergangenen Jahr nachdem sie wieder einmal nicht ihrer Nervosität vor Konzerten Herrin geworden war und deshalb, weit unterhalb ihrer eigentlichen Fähigkeiten bleibend, bereits in der Vorrunde des international renommiertesten Wettbewerbes für Cellisten ausgeschieden war die Entscheidung getroffen, von dem aufgrund ihres Talentes eigentlich vorgezeichneten Berufsweges als professionelle Musikerin abzusehen und sich stattdessen dem Handwerk der Fertigung ihres Instrumentes zu widmen.

Zuerst teilten die beiden nur Helms Werkstatt in P. Die Beziehung hielt einige Jahre, obwohl schon zu ihrem Beginn im Grunde für beide abzusehen war, dass sie nicht von Dauer sein könne.

Dieses von ihren Empfindungen füreinander unbeeinflusste Bewusstsein der Unmöglichkeit die beiden in ihrer Unabdingbarkeit fast wie ein über sie verhängtes Verdikt von metaphysischer Natur erschien , war wohl ein Hauptgrund dafür, dass sich in der Folge eine ebenso schmerzliche wie intensive Liebesbeziehung entwickelte. Oder wie Helm es noch lange nach der Trennung mit einer seltsamen Mischung aus Sarkasmus und Dramatik zu umschreiben pflegte: Einer sei durch den anderen hindurch gegangen und sehr wenig sei nach diesem Durchgang von ihnen übrig geblieben.

Das mochte vielleicht nur die Mystifizierung einer im Grunde wenig ungewöhnlichen Geschichte gewesen sein, die fast jeder so oder so ähnlich bereits erlebt haben mag, doch soll keinesfalls in Abrede gestellt werden, dass die Spuren dieser Erfahrung sich tief in ihre Seelen eingruben.

Doch auch noch viel später erschien jedem von ihnen die Sache hartnäckig im Bereich des Enigmatischen zu verbleiben, und es fiel ihnen auch im Nachhinein kein einziger plausibler Grund ein, warum ihrer Verbindung kein Bestand gegönnt gewesen war. Helm ging neue Partnerschaften ein, die mitunter von fast tragikomischer Kürze waren.

Immer mehr wurden ihm die eremitischen Abenteuer in der Abgeschiedenheit seiner Werkstatt, in den stillen Musikbibliotheken Europas, zu Lebenssinn und -inhalt. Doch zu Mitte des ersten Jahrzehntes des neuen Jahrtausends begann in ihm ohne ersichtlichen Anlass ein Gefühl Raum zu greifen, das er nach anfänglicher Verwirrung und daran anschliessender Introspektion als Weltverlust identifizierte. Etwas in seinem kognitiven System hatte erkannt, dass die Zeit, in der er lebte, eine ungeheuere Fahrt aufgenommen hatte und er im Begriff stand, auf der Strecke zu bleiben.

Er begann, sich für die digitalen Technologien zu interessieren, eignete sich Kenntnisse an, experimentierte mit den avanciertesten Aufnahmetechniken, beteiligte sich sogar an sozialen Netzwerken.

Erst Jahre später wurde ihm klar, dass die Ursache für seine plötzlichen Anstrengungen auf diesem Gebiet die Furcht vor der existentiellen Einsamkeit, in der er lebte, gewesen sein musste.

Isaura von Ramspergs Lebensfaden spann sich in eine gänzlich andere Richtung fort. Sie heiratete etliche Jahre nach der Trennung von Helm in K. Ihre kleine Werkstatt vermietete sie befristet unter, doch sollte sie nie mehr in sie zurückkehren.

Ihre Ehe verlief harmonisch, die Tochter sollte allerdings das einzige aus ihr hervorgehende Kind bleiben. Sie widmete sich diesem mit all ihrer Aufmerksamkeit und Liebe. Eine befreundete Nachbarin führte sie daraufhin in die ehrenamtliche Sozialarbeit einer evangelischen Gemeinde ein. Zusammen organisierten sie Veranstaltungen für Senioren. Zur selben Zeit begann sie ihr Cellospiel, dass sie nie ganz aufgegeben hatte, wieder zu intensivieren.

Die Tochter studierte bereits in M. Auch in diesem Trennungsfall war ein einleuchtender Grund nicht ersichtlich, einmal mehr schien Isa eine ebenso unergründbare wie unabdingbare Notwendigkeit am Werk gewesen zu sein. Im Unterschied jedoch zu der über zwei Jahrzehnte zurückliegenden Trennung von Christoph Helm war das nun in ihr vorherrschende Gefühl nicht etwa Schmerz oder Ohnmacht, sondern Ermüdung, überdies auch eine sie befremdende Erleichterung. Es fiel ihr deshalb leicht, auf Unterhaltszahlungen ihres Ex-Ehemannes zu verzichten, der im Gegenzug die nicht unbeträchtlichen Kosten für das Studium und die internationalen Praktika der Tochter alleine bestritt.

Zu jener Zeit, als Isaura von Ramsperg die beiden E-Mails von Helm bei einer Routine-Kontrolle aus dem Spam-Ordner ihres Website-Accounts fischte, hatte sie gerade beschlossen, sich in den kommenden zwei oder drei Wochen von den Anstrengungen der Konzerte der zurückliegenden Monate zu erholen.

Zu Anfang der zehner Jahre des Jahrhunderts tätigte Christoph Helm in P. Als er daraufhin noch einmal alle Punkte der Anmeldung durchging, entdeckte er eine nunmehr rot umrahmte Eingabe-Maske mit der Aufforderung, den Namen und die Anschrift des Reisepartners einzutragen.

Es handelte sich also sogar um eine Reise für zwei Personen, das war ihm bisher entgangen. Ungläubig starrte er noch einmal auf die Endsumme, die ihm nunmehr von einer geradezu fabelhaften Geringfügigkeit erschien. Er markierte die Zeilen, um sie anschliessend mit der entsprechenden Tastenkombination in der Zwischenablage zu speichern, und minimierte sodann jenes Fenster, um die Information, bei der es sich um die postalische Adresse der Website-Betreiberin handelte, in das entsprechende Feld der Reiseanmeldung zu kopieren.

Diesmal führte das Programm die Reservierung durch. Alle diese Schritte hatte er fast mechanisch durchgeführt, sie waren ihm leicht und sicher von der Hand gegangen.

Nun aber starrte er auf den Bildschirm, als könne er nicht ganz glauben, was er da gerade eben getan hatte er, der Urlaube eigentlich gar nicht mochte. Das alles hatte kaum länger als eine Minute gedauert. Nichts konnte das, was er gerade getan hatte, ungeschehen machen.

Von der gebuchten Reise hätte er noch zurücktreten können, notfalls hätte er sie sicherlich auch alleine antreten können, doch gab es keine Möglichkeit, die von ihm soeben abgesandte Mail an Isaura von Ramsperg zu widerrufen. Allenfalls hätte er noch hoffen können, dass sie unentdeckt im Spam-Ordner des Accounts verbleiben und bei der nächsten Kontrolle von der Empfängerin übersehen und endgültig gelöscht werden könnte.

Doch das erschien ihm unwahrscheinlich. Von gemeinsamen Bekannten hatte Helm vor langer Zeit schon erfahren, dass Isaura von Ramsperg allem äusseren Anschein nach glücklich verheiratet sei und eine Tochter habe, die nach seiner Schätzung nun wohl um die dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein mochte.

Es war nicht ausgeschlossen, eher sogar wahrscheinlich, dass sie inzwischen noch weitere Kinder bekommen hatte. Dies alles kam ihm nun in den Sinn, und er schämte sich daraufhin noch mehr der unbedachten Dummheit, die er begangen hatte, zieh sich auch eines verantwortungslosen Verhaltens. Also kehrte er zu Isaura von Ramspergs Website zurück, um erneut ein Schriftfeld zu füllen.

Es war klein und er vermochte kaum den jeweils vorangegangenen Satz innerhalb seines Rahmens überblicken, was das Schreiben nicht leichter für ihn machte. Umständlich und wortreich erklärte er, wie es zu dem vorigen Anschreiben gekommen war, bat um Entschuldigung und versicherte, dass er keine Antwort auf seinen dummen, unüberlegten Schritt erwarte; ein Ignorieren sei ohnehin wohl die angemessenste Reaktion.

Doch da kam er erneut ins Grübeln, rang wieder mit sich und fügte hinzu, dass sie die obigen Zeilen die er selbst längst nicht mehr sah allerdings auch nicht dahingehend missverstehen solle, dass er seine nun einmal ausgesprochene Einladung zurücknehmen wolle. Sollte sie sich also entgegen aller Wahrscheinlichkeit zu dem genannten Zeitpunkt vor dem Schalter im Flughafen von S. Daraufhin schickte er das elektronische Schreiben ab.

Am nächsten Tag wachte er benommen wie nach einem Rausch auf. Er suchte bereits auf der Website des Reiseveranstalters nach einem Weg, um die gebuchte Reise nach T. In der Nacht vor Antritt des Kurzurlaubs schlief er kaum; lange erwog er die Möglichkeit, in den frühen Morgenstunden vorsätzlich den Zug zu verpassen, der ihn nach S.

Helm wunderte sich da über das Wirken der Zeit, die, obzwar sie augenscheinlich so überaus mächtig, doch so nachsichtig eingerichtet war, dass er ihre Spuren an sich selbst, an seinem eigenen Gesicht und seinem Körper, bisher nicht annähernd so unerbittlich wahrzunehmen vermocht hatte wie nun an seinem Gegenüber.

Isaura von Ramsperg lächelte daraufhin nur gezwungen, und auch in der Folge schien es fast so, als würde es sich bei ihnen um zwei zufällig nebeneinander sitzende Passagiere handeln, die in einer steifen Manier versuchten, ein Gespräch anzuknüpfen.

Nicht zuletzt deshalb nahm das Gefühl der Fremdheit und des Befremdens in ihnen überhand. Während der letzten halben Stunde der Flugzeit schwiegen sie schliesslich ganz. Das Hotel, in dem die beiden Pauschalurlauber am frühen Abend der örtlichen Zeit eintrafen, war eine senkrecht in den Himmel ragende graue Wand, ein hoher Quader von nur etwa fünfzehn Metern Tiefe. Das Gebäude, obgleich es, wie die beiden Neuankömmlinge vermuteten, höchstens aus den er Jahren datierte, erschien Isa wie eine Gesetzestafel, die ein Riese dort in vorgeschichtlicher Zeit aufgestellt hatte.

Der Haupteingang des Hotels befand sich an der von der Küste abgewandten Seite. An den holzgetäfelten Wänden hingen vielarmige elektrische Leuchter aus Kupfer und unechten Kristallen. Es hielten sich nur einige grau livrierte Hotelbedienstete in dem Raum auf.

Wenn diese nicht gerade von notwendigen Verrichtungen in Anspruch genommen waren, standen sie sehr aufrecht irgendwo in dem weitläufigen Raum und schauten geradeaus. Isa beobachtete sie dabei eingehend von ihrem Platz aus und wähnte sie daraufhin in einer Art von träumenden Stand-By-Modus; Helm hingegen fühlte sich schlicht an Erdmännchen erinnert.

Während zwei Hoteldiener die Koffer der neuen Gäste auf deren Zimmer brachten, hatten diese sich in zwei Sesseln niedergelassen, Helm mit einem Kristallglas, das eine ihm bis dato unbekannte, offenbar landestypische Spirituose enthielt, von Ramsperg mit einem Glas Rotwein von ebenfalls einheimischer Herkunft. Sie berichteten einander zögerlich von ihrem Leben während der letzten zweieinhalb Jahrzehnte, und sie taten das ohne rechte Überzeugung, ganz so wie Leute, die nur zu gut um die Unzulänglichkeit der dafür gebrauchten Worte wissen, die — gleichgültig wie wohlerwogen sie auch immer sein mochten — keinen wirklichen Eindruck von dem zu geben vermochten, was dem Sprecher in der Vergangenheit widerfahren war.

Obzwar sie sich bemühten, ihren Schilderungen Lebendigkeit und Anschaulichkeit zu geben, so spürten sie doch schon während des Verfertigens der Sätze überdeutlich das Scherenschnitthafte und Papierne, das ihre Worte in ihrer Gesamtheit ergaben. Insbesondere Christoph Helms Auskünfte über sich wirkten auf Isa, als würde er sich darum bemühen, ein amtliches Formular mit grösstmöglicher Gewissenhaftigkeit auszufüllen.

Das mochte auch der Grund dafür gewesen sein, dass sie schon bald damit begann, häufiger an ihrem Glas zu nippen, sich umzusehen und dabei irgendeinen Gegenstand ins Auge zu fassen, oder mit einem scheinbar amüsiertem, doch auch rat- und hilflosem Lächeln einige dunkle Flecke auf dem Teppichboden vor sich zu mustern. Schliesslich wurden die Gesprächspausen wieder länger, und während Isa diese ebenfalls wie Mitteilungen von einer wortlosen, doch deswegen vielleicht sogar beredteren Art aufnahm, waren sie Helm unbehaglich.

Daher schlug er vor, ihr Zimmer in Augenschein zu nehmen. Dieses befand sich im Schweigend standen sie davor und schauten hinüber auf den diesigen Horizont unter dem hervor Wellenreihen gegen einen sich weithin erstreckenden Strand schlugen, dessen Sand von einem dunklen, feucht glänzenden Braun war. Isa fragte sich, warum sich niemand am Strand aufhielt. Später am Abend unternahmen sie einen Spaziergang am Meer. Es war nicht einfach gewesen, durch die wie geschlossen erscheinende Mauerfront der Meerseite des Hotels zu gelangen.

Endlich fanden sie im Kellergeschoss eine kleine Pforte, die, ihnen schien, eher für das Hotelpersonal bestimmt war, denn jenseits von ihr gelangten sie auf einen Hof, der auf drei Seiten von Betonmauern begrenzt war und auf dem sich etwa ein Dutzend überfüllte Müllcontainer befanden. Auf einer Seite führte eine schmale geländerlose Treppe nach oben. Sie gingen sodann über spärlich bewachsenen Boden in Richtung Meer.

Es gab welche, die merkwürdig übereinander geschichtet waren und wie riesige steinerne Geschirrtürme anmuteten. Dazwischen verstreut lagen leere Plastiktüten, Flaschen und Verpackungen von Gebrauchs- und Konsumgütern.

Viele davon hatten einmal Produkte enthalten, die ihnen geläufig waren. Als nahezu bizarr empfanden sie den Anblick eines hohen, geöffneten Kühlschrankes, dessen äussere Roststellen die Anmutung von Kontinenten hatten und der schief neben einer gegenläufig schrägen Gesteinsschichtung, die an übereinander getürmte Dessertschalen erinnerte, im Sand stak.

Nach einem ihrer kurzen und wie schaudernden Blicke auf diese Wand machte Helm seine Begleiterin auf einen befremdlichen Umstand aufmerksam: In der Folge sprachen sie nur wenig. Als Isa bedauerte, nicht ihr Cello mitgebracht zu haben, da es Helm dann hätte inspizieren und vielleicht einige Verbesserungen daran hätte vornehmen können, das der so Angesprochene mit Befremden oder zumindest mit einem kalten Desinteresse auf, woraufhin sie darauf verzichtete, ihm die Mängel ihres Instrumentes im Einzelnen zu schildern.

Der Sand war in seiner gesamten Breite dunkel vor Nässe, stellenweise hatten sich sogar kleine Pfützen gebildet. Es schien, als würde er von unterirdischen Quellen durchfeuchtet werden. Gerade als Helm sich darüber wundern wollte, dass sie bisher noch kein Lebewesen zu Gesicht bekommen hatten, tauchten hinter einer niedrigen Düne einige Möwen auf, die reglos im Sand kauerten.

Ein leichter Wind wirkte beständig an den Spaziergängern, in deren Gemüt bald ein Gefühl Raum griff, das sie letztlich dazu veranlasste, umzukehren und beschleunigten Schrittes zu der kleinen Pforte zurück zu gehen.

Zum Abendessen wurde ihnen von einem weissbefrackten Kellner ein Tisch zugewiesen, der unmittelbar an der langen Fensterfront zur See hin stand. Draussen dunkelte es bereits, wie sie durch die bis fast auf den Boden reichenden weissen Gardinen, die sich über eine gesamte Längsseite des hell erleuchteten Speisesaals hinzogen, erkennen konnten. Ihre Zahl war aber so gering, dass sich ihre kleinen Gruppen in der Weite des Raumes verloren.

Nur der weisse Spätburgunder war von einheimischer Herkunft …. An diesem Punkt seines Berichtes angelangt, machte Helm Anstalten, mit der Beschreibung des Frühstücksbuffets am nächsten Morgen zu beginnen, als ihm ein irritierter Blick Winklers Einhalt gebot.

Winkler aber nachdem dieser sich kurz und ergebnislos die Frage gestellt hatte, warum Männer auch im Dabei kam in ihm die Frage auf, was er hier, an diesem Ort und zu dieser Stunde, eigentlich tat ausser einen alten Freund, zu dem er während der zurückliegenden Jahre kaum Beziehungen unterhalten hatte, zu Indiskretionen zu nötigen. Da war ihm mit einem Mal, als ob auch allen anderen Gästen des Lokals diese Frage förmlich auf die Stirn geschrieben stünde: Was immer es auch war, es war klar, dass man es hier wohl kaum finden könnte.

Alle Anwesenden dieses gut besuchten Ortes schienen sich vielmehr von hier fort zu wünschen, nicht zuletzt das Personal — junge, gutaussehende Leute, die sich gerade als Protagonisten in die Filmstudios, die angesagten Kunstgalerien, auf die Theater- und Konzertbühnen dieser Stadt sehnten, doch stattdessen hier, in dieser Desillusionierungsrestauration, in der sogar die Wände mit Enttäuschung imprägniert zu sein schienen, ihrer laufenden Kosten wegen Touristen bedienen mussten, die von einschlägigen und schamlos veralteten Reiseführern hierher gelockt worden waren.

Winkler war bereits gänzlich abgeirrt in Überlegungen dieser Art, hielt sein Leben schon für ein Phantomgespinst, ja hielt sich selbst für eines jener Phantome, die immerzu nur etwas tun, um etwas zu tun, aber im Eigentlichen nicht wissen, was sie da tun und vor allem: Das würde sich bei dem geplanten Büchlein wohl auch nicht anders verhalten.

Andererseits hingegen versinnbildlichte möglicherweise aber genau dies das dominierende Lebensmodell des zweiten Jahrzehnts dieses zweiten Jahrtausends westlicher Zeitrechnung — allein schon ein kurzer Rundblick durch diese Desillusionierungsrestauration ihm gefiel diese Wortschöpfung, wenngleich er sich nicht sicher war, ob wirklich er sie erschaffen hatte könnte ihm als Bestätigung für diese Hypothese herhalten, und vielleicht würde also genau dies, dieses Wissen und die Haltung, die sich daraus hoffentlich ergeben würde, der Publikation immerhin eine gewisse Relevanz als Zeitdokument verleihen … Da drang endlich wieder Helms Stimme durch den Lärm.

Ja, sagte der mit fester, fast trotziger Stimme: In jener ersten Nacht hätten Isaura von Ramsperg und er miteinander geschlafen, natürlich hätten sie das. Beide hätten nicht nur das Gefühl gehabt, dass dies eine logische, fast zwangsläufig folgende Konsequenz der Umstände wäre, sondern als müssten sie damit zudem auch noch das artifizielle, fremdartige, versehentlicheder gesamten Situation komplettieren, es durch diesen Akt wie in einem Brennglas konzentrieren.

Jene Situation sei ohnehin erst durch eine Kette von Affekten oder gar entstanden und auch das, was in jener Nacht geschah, hatten sie dann hingenommen wie finalen Automatismus, der jedoch in dieser Kette aus willkürlichen und launischen Begebenheiten, zu deren Spielfiguren sie geworden waren, eine unabweisbare Logik besessen habe. Dessen ungeachtet hätten sie gleich zu Beginn den Eindruck gehabt, dass es sich dabei im Grunde zweifellos um ein Versehenhandeln müsse. Das Ganze habe ungefähr die Künstlichkeit einer so kapriziösen wie nostalgischen Re-Inszenierung besessen, in deren Verlauf vor seinem inneren Auge immer mehr Bilder aus der Vergangenheit auftauchten, die ihn und Isaura von Ramsperg in intimen Situationen zeigten, ganz plastisch habe er sie vor sich gesehen; allerdings habe er diese Bilder nicht im Entferntesten mit dem, was sich gerade in jenem nur von einer Nachttischlampe beleuchteten Hotelzimmer zutrug, zur Deckung bringen können.

Es sei ihm zumute gewesen, grübelte Helm und sprach dabei wie zu sich selbst, als wäre nicht nur seine Gegenwart, sondern auch seine Vergangenheit von einer vollständigen Willkürlichkeit und Beliebigkeit durchdrungen und schon deshalb wäre die Herstellung jeder Art von Kongruenz zwischen den beiden zum Scheitern verurteilt.

Eine transparente, jedoch undurchdringliche Haut hätte sich da gespannt, die Vergangenheit und Gegenwart säuberlich voneinander trennte. Dies hätte ein ihm bisher fremdes, irgendwie taubes Gefühl von Ohnmacht verursacht, das er gerne besser definiert hätte, doch so sehr er auch darüber nachdachte, konnte er es sich doch nicht näher erklären. Möglicherweise wollten sie einfach die lange Geschichte ihrer wechselseitigen Verletzungen nicht fortschreiben.

Später lagen sie schweigend nebeneinander, bis er endlich vorschlug, dass es vielleicht zu früh dafürgewesen wäre und sie mehr Zeitgebraucht hätten. Isa widersprach ihm, meinte, es sei vielmehr der genau richtige Zeitpunkt dafürgewesen. Sei es, dass sie die Traurigkeit, die von ihm ausging und zu ihr herüberzog, deutlich spürte, sei es auch nur, dass sie Angst hatte, er könnte nun gleich damit beginnen, Dinge zu sagen, die so ähnlich bereits ihr früherer Ehemann zu diesen Anlässen zu sagen pflegte, — jedenfalls entschloss sich Isa an dieser Stelle zwecks einer ihr wünschenswert erscheinenden Deeskalation der Schwermut dazu, eine taktische Banalität zu formulieren.

Sie sagte also, sie sollten ihrer Meinung nach dem gerade Geschehenen nicht allzuviel Bedeutung beimessen. Das Frühstücksbüfett war wie das Abendessen ganz auf einen internationalen Geschmack abgestimmt und damit ohne jede Besonderheit.

Helm und Isa nahmen dies bereits wie eine Selbstverständlichkeit zur Kenntnis. Die vorangegangene Nacht schien ihr Verhältnis zueinander, das man zu jenem Zeitpunkt als eines von intimer Fremdheit hätte bezeichnen können, merkwürdigerweise nicht verändert zu haben. Tatsächlich war sie an jenem Morgen auch wirklich bereits um Vieles weniger befangen als am Tage ihrer Ankunft.

Damit lenkte sie das Gespräch auf Musik und äusserte sich kritisch über die von ihr beobachtete Entwicklung in der klassischen Musik, die ihrer Meinung nach dahin ging, dass die Solisten sich immer stärker und ausschliesslicher der Virtuosität verschrieben, einzig zu dem Zweck, um sich mittels eines noch filigraneren, schnelleren, kurz: Der Ausdruck aber, die Seele des Spiels also, würde über diesen ganzen Effekten auf der Strecke bleiben.

Im Übrigen wäre nach seinem Dafürhalten ein augenfälliges Charakteristikum der Gegenwart das zuverlässige und in aller Regel zeitlich nur wenig verzögerte Aufkommen einer dezidierten Gegenbewegung zu jeder beliebigen modischen Strömung. Diese Moden aber seien weder positiv noch negativ zu bewerten — es wären eben lediglich Manifestationen des Zeitgeschmacks.

Mag ja sein, von seiner Warte aus … gestand Isa zu, um sich dann etwas gouvernantenhaft zu empören: Doch zu welchem Gekreische und Gezirpe das nicht selten führen würde! Da merkte Isa in einer aufgesetzten Weise scheinbar lapidar an: Das wäre dann auch viel billiger, und überdies würde man damit gleich dem dritten Epochenpopanz, nämlich der Kosteneffizienz, huldigen.

Da erkannte Isaura von Ramsperg Christoph Helm durch all seine gegenwärtige Andersartigkeit hindurch zum ersten Mal wirklich wieder. Später fuhren sie in dem verspiegelten Aufzug hinauf auf ihr Stockwerk, gingen durch den langen, schmalen Korridor, der fast genauso dicht wie unten die Hotellobby mit — allerdings kleineren — Spiegeln und Leuchtern behängt war, zu ihrem Zimmer.

Man hätte sie für ein gut situiertes, wohlorganisiertes deutsches Ehepaar mittleren Alters halten können, allerdings befand sich im ganzen Stockwerk niemand, der diese Beobachtung hätte machen können. Einzig das stete Geräusch des Windes war hörbar, das gedämpft durch die Fenster ins Innere drang, an- und abschwellend wie Meeresrauschen.

Helm hatte in diesem Augenblick zum ersten Mal den Eindruck, dass sie sich hier möglicherweise in einem System, in einer Maschine bewegten, die zwar sichtlich noch ihre Grundfunktionen erfüllte, dies jedoch in einer seltsam verlangsamten, beinahe friedlichenWeise tat. Auf ihrem Zimmer packten sie einige Gegenstände in ihre Tourenrucksäcke, fuhren dann in das Untergeschoss, fanden dort rasch zu der Pforte vom Vortag und wandten dann ihre Schritte dem Strand zu.

Dieser war auch heute wieder durchfeuchtet, obwohl es in der Nacht nicht geregnet hatte. Witterung unterschied sich ebenfalls nicht von der gestrigen: Unmittelbar um die Horizontlinie bildeten die beiden Elemente ein undeutliches Gemisch, aus dem heraus in zuverlässiger Beständigkeit Wellenfronten herankamen, die einige Meter vor dem Strand in einem letzten Aufbranden unterschiedlicher Stärke zerschellten.

Das taten sie an einigen Stellen der Küste heftiger als an anderen, woraus die beiden Urlauber auf das Vorhandensein von Klippen unter der Wasserlinie schlossen. Der Wind trugen ihnen einen etwas scharfen Geruch zu.

Wieder waren sie die einzigen Urlauber, die einzigen Menschenseelen überhaupt, die sich hier, unter diesem graphitfarbenen Himmel, aufhielten. Helm merkte an, der Vorzug von solch einem Wetter wäre, dass man keine Sonnencreme auftragen müsse. Er selbst begnügte sich allerdings damit, einen Pullover aus seinem Rucksack hervorzuziehen und sich auf diesen zu setzen.

So liessen sie für eine Weile den Wind über sich streifen, hörten dem Brechen der Wellen zu. Als Isa einmal den Kopf zu ihrem Begleiter wandte, sah sie sie sein Gesicht teilweise verdeckt von einem silberfarbenen, an den Ecken gerundeten Gegenstand, den sie sofort als ein Smartphone identifizierte.

So zog sie denn jenes abgeschabte braune Lederfutteral aus ihrem Rucksack, das eine mattgrau-metallene Fotokamera aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts enthielt. Bevor sie am gestrigen Tage zu ihrem ersten Ausflug ans Meer aufgebrochen waren, hatte Isa sich tatsächlich dieses Futteral an seinem ledernen, Trageriemen um den Hals gehängt, woraufhin Helm sie wortlos, doch offenen Mundes und unter Blicken anstarrte, in denen sich Belustigung, Verblüffung, Resignation und auch so etwas wie Beschämung durchmischten.

Jetzt entnahm sie also dieses mechanische Ungetüm seiner Umhüllung und ging ohne ein Wort davon. Als sie wieder vor ihm auftauchte, schaute er nur kurz vom Display seines Gerätes auf. Er hätte unmöglich sagen können, wie lange sie fort gewesen war; vielleicht eine Stunde, vielleicht aber auch nur zehn Minuten. Das könnte sie ihm erst in einigen Wochen sagen, antwortete Isa scheinbar arglos.

Damit, sagte er dann und hielt sein Smartphone etwas höher, könne man nicht nur sofort die Qualität der Aufnahmen genauestens überprüfen, sondern sie schon im nächsten Moment in alle Welt verschicken oder aber via Internet die Bilder gleich aller Welt zugänglich machen. Resozialisation - wer hat den Begriff nicht schon einmal gehort oder auch selbst verwendet, Der deutsche Bundestag beschloss am 6.

Vor allem bei jungen Häftlingen hat der Ballsport eine wichtige Bedeutung für die Resozialisierung. Das bayerische Justizministerium arbeitet dazu mit der Viele Bundesländer beschäftigen sich gerade mit der Frage, wie Resozialisierung besser gelingen kann, um diesen "Drehtür-Effekt" künftig zu verhindern und Ein Hochrisikotäter kommt frei - Wie kann die Resozialisierung Dann kam er frei.

Mit "Buddys" vom Jugendhäftling zur Fachkraft. In einem Modellversuch erhielten aus der Haft entlassene Dabei sollte das Gefängnis sie auf ein straffreies Leben in der Gesellschaft vorbereiten — Experten nennen das Resozialisierung. Als Anstaltsleiter soll Galli Saarland geht neue Wege bei Resozialisierung von Straftätern. Fast jeder zweite Straftäter wird rückfällig. Eine Studie weckt Zweifel an der erfolgreichen Resozialisierung von Straftätern: Fast die Hälfte wird rückfällig. Räuber oder Erpresser wurden zu 72 Prozent Mit Wellness und Scharia.

Da erscheint der Ansatz einer sanften Resozialisierung , wie ihn vor Saudiarabien bereits das arme Nachbarland Jemen unter weitaus weniger luxuriösen So will Hamburg die Rückfallquote von Straftätern